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Die “Raschelpilger”

31.07.2012 | 5 Kommentare

27. Juli 2012
Gestern Nachmittag saß ich noch mit anderen Mitpilgern gemütlich in einer Tapas-Bar zusammen, um uns über den Jakobsweg und das Pilgern an sich auszutauschen. Die anderen Pilger wollten von mir als „erfahrenen“ Pilger des Camino Frances noch den ein oder anderen Tipp, den ich natürlich gerne gab.
Anschließend machte ich mich mit dem Taxi auf den Weg nach Irun, wo mich Antonia und Stefan – meine Pilgerfreunde aus dem Jahr 2010 und Vanessa, die Freundin von Stefan, empfingen. Nachdem wir noch einen kurzen Streifzug durch Irun unternahmen, gingen wir rasch zu Bett, um für den nächsten Tag fit zu sein. In der Nacht regnete es dann heftig, aber wir hatten Glück am nächsten Morgen zeigte sich das Wetter wieder von seiner schönen Seite. Um 06:30 Uhr startete unser Abenteuer Küstenweg. Auf unserem Weg fragten wir uns, ob der Name Klippenweg nicht passender wäre.
Wir wählten die Route über den Berg Jaizkibel, weil man bekanntlich von oben immer die schönste Aussicht hat. Der Weg führte uns steil bergauf, aber wir bereuten keine Sekunde. Der Ausblick, welcher sich uns bot, entschädigte alle vorangegangen Strapazen. Es war ein fantastischer Ausblick auf einen strahlend blauen Himmel, ein blaues Meer, saftig grüne Wiesen und dazu das Geschrei der Möwen.
Nun noch einmal kurz zum Namen Küstenweg bzw. warum uns der Name Klippenweg treffender erschien. Der Abstieg nach Pasaia führte uns am Felsen entlang. Manchmal ging es auf beiden Seiten des Weges steil hinunter. Schwindelfrei zu sein und Trittsicherheit kommen einem auf diesem Teil des Weges sehr entgegen.
In Pasaia angekommen, kehrten wir in einer Strandbar ein, bevor es mit einem kleinen Boot auf die andere Seite des Dorfes ging. Dort erwartete uns wieder ein steil nach oben führender Weg, über den wir zu einem Leuchtturm kamen. Um circa 16:00 Uhr kamen wir dann endlich in San Sebastian an. Wir machten gleich an der ersten Strandbar einen ausgiebigen Stopp. Danach wanderten wir noch ungefähr eine Stunde durch das schöne San Sebastian, bis wir das heutige Ziel – unsere Herberge erreichten.
Der Küstenweg übertrifft bisher alle meine Vorstellungen des ersten Tages. Ich bin sehr gespannt auf das, was mich die nächste Zeit noch erwarten wird.

Der Küsten- bzw. Klippenweg

Der Berg Jaizkibel

Der Strand von San Sebastian

28. Juli 2012
Heute Morgen schlugen die „Raschelpilger“ zu. Um 04:00 Uhr morgens klingelte der erste Wecker. Daraufhin wurden immer mehr Pilger munter und erledigten ihre Morgentoilette. Um 04:45 Uhr wurde uns diese allgemeine Unruhe dann zu blöde und wir standen auch auf. Um 05:15 Uhr verließen wir die Herberge. Was mich allerdings verwunderte war, dass die Herberge noch verschlossen war und ich zuerst aufsperren musste – scheinbar waren wir doch die Ersten, die heute aufbrachen! Eine Frage bleibt allerdings unbeantwortet: Was machen die Raschelpilger nur so früh am Morgen?
Mit unseren Stirnlampen ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg. Das Wetter war zuerst bewölkt und es nieselte kurz. Die Sonne ließ sich heute den ganzen Tag über nicht blicken, aber es herrschten ideale Wanderbedingungen. Nach circa drei Stunden Gehzeit erreichten wir Orio, wo wir gemeinsam frühstückten. Anschließend wanderten wir nach Zarautz weiter.
Stefan und Vanessa haben einen zügigeren Wanderrhythmus, als Antonia und ich. Deshalb liefen die beiden meistens vor Antonia und mir. Auf dem Weg verpassten Stefan und Vanessa dann versehentlich die Abzweigung für Fußpilger und mussten so den Radpilgerweg bestreiten.
Für Antonia und mich ging es auf wunderschönen Pfaden weiter in Richtung Zarautz. Bei der ersten Strandbar angekommen, legten wir eine Pause ein. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl als Pilger mit Rucksack am Strand unterwegs zu sein. Wir genossen unsere Zeit am Strand aber trotzdem.
Nach Zarautz ging es einen grob gepflasterten historischen Weg hoch. Nach etlichen Hügeln und drei Stunden Gehzeit später erreichten wir unser heutiges Etappenziel – den Ort Zumaia. Stefan und Vanessa waren schon vor uns da und hatten in der Zwischenzeit für uns einen Schlafplatz in der Herberge reserviert. Vanessa ist auf dem Radpilgerweg zwei Mal kräftig umgeknickt und Stefan hat sich eine Blutblase zugezogen. Sie werden sich deshalb morgen eine Ruhepause gönnen und Antonia und ich werden alleine weitermarschieren.
Heute Abend gibt es in unserer Herberge Paella – ich habe jetzt schon Hunger!

Der Strand von Zarautz

Heutiges Etappenziel: Zumaia

Zwei glückliche Pilger am Jakobsweg

29. Juli 2012
Stefan und Vanessa machten sich heute Vormittag auf den Weg ins örtliche Spital, um danach mit dem Zug nach Markina-Xemain nachzukommen und für uns einen Platz in der Herberge zu reservieren. So brachen Antonia und ich heute Früh um 05:15 Uhr wieder alleine auf. Es ist zwar um diese Zeit noch dunkel und ohne Stirnlampen würden wir absolut nichts sehen, aber es ist einfach wunderschön in den Morgen hineinzulaufen, wenn die Natur langsam erwacht. Ein weiterer positiver Nebeneffekt des frühen Aufbrechens ist, dass wir uns für die langen Etappen mehr Zeit lassen können. Wir gehen ein gemütliches Tempo und machen ungefähr alle zwei Stunden eine Rast.
Die heutige Etappe war zwar sehr lange und sehr anstrengend – 35 Kilometer und 1.400 Höhenmeter, aber dennoch wunderschön! Heute wanderten wir im Landesinneren durch schöne Wälder.
Leider war unser heutiger Marsch etwas getrübt, da wir bis zum späten Nachmittag nichts von Vanessa und Stefan hörten und deshalb etwas beunruhigt waren. Gegen 17:00 Uhr kamen wir in Markina-Xemein an. Als wir in Richtung Dorf liefen, hörten wir plötzlich einen lauten Pfiff und Rufe vom gegenüberliegenden Hang. Es war Oliver, ein Pilger aus Deutschland, den wir am Vortag kennenlernten. Durch laute Schreie wies er uns darauf hin, dass es keinen Platz mehr in der Herberge gab und es daher keinen Sinn macht in das ein Kilometer entfernte Dorf weiterzulaufen. Stattdessen schickte er uns die Herbergsmutter einer abgelegeneren Herberge, die uns mit dem Auto abholte. Spitze von Oliver – das ist wahre Pilgerfreundschaft! Es gibt nichts Ärgerlicheres, als nach einem 35 Kilometer-Marsch bei einer vollen Herberge anzukommen und sich dann auf die Suche nach einem anderen Schlafplatz machen zu müssen.
Morgen wartet eine 25 Kilometer Etappe nach Gernika auf uns.

Auch im Landesinneren ist es schön


Die neue Herberge in Markina-Xemein

Pilgern mal anders

30. Juli 2012
Ich bin jetzt seit fünf Wochen unterwegs und habe heute meine 35. Etappe nach Gernika absolviert. Mittlerweile liegen circa 930 Kilometer und 22.000 Höhenmeter hinter mir. Und das Schönste dabei ist: Es macht mir immer noch Spaß und ich genieße jeden Tag!
Heute gingen es Antonia und ich etwas gemütlicher an – wir standen erst um 05:30 Uhr auf und verließen um 05:50 Uhr unsere Herberge, die ein Prunkstück auf dem bisherigen Jakobsweg war. Nach circa. 30 Minuten Gehzeit hatte ich ein komisches Gefühl. Seit einer gefühlten Ewigkeit sahen wir keine gelben Pfeile mehr auf unserem Weg. Wir liefen aber trotzdem noch ein Stück dem Pfad entlang, als nach weiteren zehn Minuten aber immer noch keine gelben Pfeile auftauchten, versuchte ich über mein Handy unsere Position zu orten, um uns wieder „auf Kurs“ zu bringen. Was glücklicherweise auch funktionierte. Wir kamen an eine Straße, auf der wir circa zwei Kilometer abwärts gehen sollten. Plötzlich fuhr ein Auto heran und ein freundlicher Spanier nahm uns ein Stück mit und brachte uns zurück auf den Jakobsweg. Das ist Spanien!
Stefan hat uns mittlerweile auch eine Nachricht geschickt. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Sie werden die nächsten Tage alleine weitermarschieren und dann versuchen wieder zu uns zu kommen. Da wir heute bei hohen Temperaturen ausschließlich im Landesinneren wanderten, freuen wir uns nun umso mehr auf weitere Etappen am Meer.
Für Morgen ist ein 35 Kilometer-Marsch nach Bilbao geplant. Ich freue mich schon sehr auf diese Stadt!

Einfach schön!

Kloster Cenarruza

Gernika-Lumo

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5 Kommentare

  1. Leila

    Schön, da lebt man richtig mit!

  2. Bertram

    Hallo Peter, ich bewundere deine Geh- und Schreibfähigkeiten. Ich wünsche dir auf jeden Fall Durchhaltevermögen, was ich eigentlich nicht bezweifle. Gruss aus dem Ländle von Bertram

  3. christian loretz

    Ola, Peter
    ich bin begeistert von deiner lieben art zu schreiben und den wunderschönen Fotos.Das erweckt ja so richtig den Wunsch in mir,
    wieder auf dem Jakobsweg zu gehen.Bouen Camino!!Gruss aus Brasilien von Christian

  4. Peter Mayr

    Hallo Bertram
    der Weg gibt dir Kraft und Kreativität, aber er fordert dich auch gewaltig. Unterm Strich ist es eine Wohltat für Körper, Geist und Seele!

    Beste Grüße
    Peter Mayr

  5. Körper Geist und Seele sind es die uns leben lassen und deshalb ist alles gut was dieser Dreieinigkeit gut tut lg
    Edi & Sylvia

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